Change! Restholzveredelung

18. April - 11. Juli 2021

Eine Ausstellung mit Frank Herzog in Kooperation mit der Will und Liselott Masgeik-Stiftung

Dass sich die Kunst an ihrer Umwelt zu schaffen macht, ist nichts Ungewöhnliches. Auch umgekehrt ist der Einfluss der Umwelt auf den Schaffensprozess des Künstlers eine Selbstverständlichkeit. Gerade im engeren, also ökologischen Wortsinn von Umwelt jedoch, gibt es selten echte Wechselwirkungen zu beobachten. Bei Beginn der Kooperation, die dieser Ausstellung zugrunde liegt, konnten wir nicht ahnen wie ergiebig sprudelnd sich die Synergien ausbilden würden zwischen dem Künstler Frank Herzog und der Masgeik Stiftung, die seit letztem Jahr im Rahmen der Aktion Grün des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums an der Rettung der Streuobstwiesen rund um Molsberg arbeitet. Für Herzog erweist sich die Zusammenarbeit bis heute als thematisches Füllhorn und Materiallager in Einem. Die Streuobstwiese erhält im Gegenzug durch die Verwandlung abfallenden Restholzes eine veredelte Zukunft. Viel wichtiger aber: Im besten Fall zahlen die Werke Herzog es den Obstbäumen in der Währung zurück, die ihnen jetzt gerade am wertvollsten sein dürfte: Positive Aufmerksamkeit.

Ein wichtiger Baustein für das Gelingen der Zusammenarbeit liegt in der kulturellen Dimension des ursprünglich ökologischen Ansinnens: Hinter dem Untergang des hochstämmigen Streuobstanbaus steckte einst neben den marktwirtschaftlichen Argumenten der Plantage auch ein fragwürdiger politischer Wille und hinter dem vermeintlich harmlosen Effizienzgedanken eine ernstzunehmende Feindseligkeit gegenüber dem Freien und nachhaltig Schönen. Schon in den Zwanzigerjahren mobilisierte man auf höchster Ebene im Rahmen der Festlegung von Reichsobstsorten gegen die Artenvielfalt.

Es ist letztlich dieser Hintergrund, der den Westerwälder Künstler Frank Herzog zum perfekten Botschafter der Angelegenheit macht. Als Chronist des Alltags bringt er Dinge und Phänomene, die oft nicht mehr wahrgenommen werden, in den Fokus. Zu Skulpturen verwandelt, bekommen sie mit einem neuen Kontext auch neue Aufmerksamkeit. Nach genauer Beobachtung der Baumschnittarbeiten im letzten Jahr entstand eine ganze Reihe verschiedenster Arbeiten: Mit seinen Aquarellen bringt Herzog uns auf Augenhöhe mit dem Obstbaum im Überlebenskampf, denn der Blick muss sich hier erst durch die Mistelzweige im Vordergrund kämpfen um in die Szene zu gelangen. Im Zentrum unserer Ausstellung stehen jedoch die bildhauerischen Werke, neu entstanden aus dem anfallenden Restholz der Baumpflege. Es ist das Leben und seine Widersacher die Herzog gleichermaßen aus dem Material freigelegt hat. Ein Buntspecht ist hier am Werke und führt - den Stamm aushöhlend - in Stellvertretung das Werk des Bildhauers fort. Faules Fallobst weist neben saftig leuchtenden Früchten auf den ewigen Kreislauf der Natur und entlang des Stacheldrahtes blühen symbiotische Flechten und gleichen die einschneidende Zerstörung aus. So fügt Herzog dem Begriff des Erhaltungsschnitts der Obstbäume eine neue Dimension hinzu: Wenn er dem toten Holz mit Klinge und Farbe neues Leben einhaucht und buchstäblich frisch veredelt und austreiben lässt, geschieht dies letztlich in Analogie zum wundersamen Verjüngungsprozess durch die Aktivierung des Erhaltungstriebes, den man sich seit jeher auf der Obstwiese zunutze macht.